Gedanken an Gevatter Tod
Der Anlass war ein Interview mit dem in Österreich sehr bekannten Pädagogen und Autor Niki Glattauer zehn Tage vor seinem ärztlich begleiteten Suizid: Ein intelligenter und vitaler Mann erklärte den Journalisten Florian Klenk und Christian Nusser, warum er sein Leben vorzeitig beendete.
Es war ein Gallenkrebs, der Schmerzen und eine ohnehin sehr kurze Lebenserwartung mit sich brachte – es sei denn, er wollte den Kampf gegen den Krebs aufnehmen und um jeden Preis jedes Bisschen Zeit aus seinem Leben herauspressen. Sein Zugang war aber ein anderer.
Unsere Zeit ist begrenzt
Wenn wir uns bewusst machen, dass das Leben begrenzt ist (ohne den genauen Tag der Abreise zu kennen), bekommt das Leben mehr Struktur. Die einzelnen Momente werden bedeutsamer. Wer weiß schon, ob es heute das letzte Mal ist, dass wir mit der U-Bahn fahren oder in einem See schwimmen?
Die Erkenntnis, wie wenig Zeit wir haben, führt zu einem besseren Umgang damit und immer wieder zu der Frage, ob wir die nötige Investition an Zeit für bestimmte Dinge machen wollen: Ist es wirklich notwendig, mit einer neuen Serie anzufangen, eine zeitaufwändige Ausbildung zu machen oder jeden Tag stundenlang zur Arbeit zu fahren?
Tot sein = nicht da sein
Das Totsein ist nichts, was wir nicht schon hinter uns haben: Vor der Geburt waren wir nicht da. Während des Tiefschlafs in der Nacht sind wir es ebenfalls nicht.
Der Tod bringt auch die Frage, ob der Mensch ein biologischer Computer ist, dessen Körper-Hardware Gedanken erzeugt, oder ob wir wie im Computerspiel Minecraft eine Zeitlang einen bestimmten Avatar steuern (aber das ist ein anderes Thema).
Die letzten Momente vor der großen Abreise oder Löffelabgabe sind wie ein Sprung ins Nichts. Es gibt Hinweise, dass danach eine große Rückschau und etwas Neues kommt, etwa Nahtoderlebnisse. Aber solche tröstlichen und in sich stimmigen Geschichten sind keine Garantie.
Ein tröstliches Zitat
Möglicherweise ist es das Beste, was wir tun können, unsere Kräfte und Möglichkeiten auszunutzen, so gut es geht. Dabei fällt mir ein Zitat von Leonardo da Vinci aus dem Codex Trivulzianus ein:
Wie ein gut verbrachter Tag einen glücklichen Schlaf beschert, so beschert ein gut verbrachtes Leben einen glücklichen Tod.
